Dellmensinger Altwasser
Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.
Es war 1983, als erstmals die Idee der Wiederherstellung der Altarme an der Rot in verschiedenen Kreisen diskutiert und schließlich einhellig von der Mitgliederversammlung des Dellmensinger Fischereivereins gebilligt wurde. Man wollte schon damals mit den renaturierten Altwasserarmen Lebensräume für die bedrohte Pflanzen- und Tierwelt schaffen bzw. wiederherstellen.
In der Folgezeit trat der Fischereiverein Dellmensingen in den zunächst nahezu undurchdringlichen Dschungel der behördlichen Voraussetzung ein. Doch das Erstaunliche war, dass alle Behörden wie Landwirtschaftsamt, Wasserwirtschaftsamt, Landratsamt, Gemeinde und Ortsverwaltung dem Unternehmen sehr positiv gegenüberstanden und die vorgesehenen umfangreichen Maßnahmen sehr begrüßten.
Entscheidend waren die Aktivitäten von MdL Karl Göbel, der anregte, dass das im bäuerlichen Privatbesitz befindliche Grundstück für die vorgesehene Maßnahme angekauft und durch den Fischereiverein Dellmensingen e.V. gepflegt werden sollte. Der Landwirt J. Hermann war tatsächlich bereit, sein Grundstück für die vorgesehenen Zwecke zu veräußern. So kam es schließlich nach einem Treffen aller Beteiligten am 15. Mai 1986 zum Kauf durch das Staatliche Liegenschaftsamt Ulm.

Von Seiten des Liegenschaftsamtes bestand an den Fischereiverein Dellmensingen die Auflage, dass ein Pflegeplan erstellt würde und dass danach das betreffende Gebiet pachtweise gehegt werden könnte.
So wurde auf Anfrage an die Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege in Tübingen ein Plan erarbeitet. In diesem Plan waren nicht nur Baggertiefen, Nassstellen und die wichtigsten holzigen Arten der Neuanpflanzungen aufgeführt, sondern es waren auch die Punkte für eine fischereiliche Nutzung, Hege und Pflege markiert.
Damit war ein Teil des Unmöglichen nicht nur versucht, sondern bereits in die Tat umgesetzt. Doch jetzt tauchten für den kleinen Fischereiverein die wirklichen Probleme erst auf. Es musste kalkuliert werden, welche Teile der Flächen neu anzulegen waren und welche erhalten werden sollten, dies galt vor allem für markante alte Baumgruppen am späteren Gewässerrand. Auch an einen 450 m langen Hochwasser-Schutzwall musste gedacht werden. Ganz zu schweigen von rund 12.000 m² Aushub, der ja auch abtransportiert werden musste.
Die weitere Frage war: Wohin? Nicht zuletzt wurden einfache technische Fragen angegangen, wann zum Beispiel der Boden tief genug gefroren sein würde, um Baggerarbeiten und Abtransport zu gewährleisten.
Endlich kam der Tag X mit der Stunde 0: im September 1988 wurden die Leitlinien ausgepflockt und als erstes rückte der rührige Verein mit einer entschlossenen Arbeitsgruppe an und begann den wilden Verhau aus Sträuchern und Bäumen zu lichten. Das Abräumen des Geländes einschließlich dem Häckseln des Strauchmaterials konnte planmäßig durchgeführt werden.


Im Januar/Februar 1989 sanken die Temperaturen dann so ab, dass die Altarme und die vorgesehenen Amphibienteiche nach Plan ausgebaggert werden konnten. Entscheidend dabei war viel Gefühl des Baggerführers, der sich schon jetzt in die spätere Situation hineindenken musste.
Das Ergebnis dieses ersten Arbeitsabschnittes waren die deutlichen Umrisse der Altarme im Rahmen des geplanten Renaturierungsprozesses. Doch lagen immer noch beängstigend große Berge von Baggergut überall verstreut in der Landschaft und auch die Verbindung zur Rot war noch nicht hergestellt. Immerhin traten einzelne Baumgruppen von Erlen und Silberweiden - jetzt wieder direkt am Gewässerrand - bereits markant in Erscheinung. Im Sommer wie im Winter waren bereits stimmungsvolle Eindrücke zu gewinnen. Und deshalb konnte man sich schon jetzt ein Bild machen, wie es später einmal sein würde, wenn…
Ja, gerade das „Wenn“ schien den weiteren Arbeiten absolut entgegenzustehen, denn die Wintermonate 1989/1990 waren zu warm, um das anliegende Material abzutransportieren.


Endlich wurde es im Februar 1991 so knackig kalt, dass die langersehnte Abfuhr des Baggergutes erfolgen konnte. Bis zu 9 Lastwägen waren zusammen mit 2 Baggern nahezu 10 Tage ununterbrochen tätig, um die riesigen Mengen des Aushubes abzuführen. Der Abtransport erfolgte reibungslos und die letzten kosmetischen Korrekturen, die sich nicht zuletzt auf die Verbindung von der Rot mit dem Altwasser bezogen, wurden getätigt. Der feierliche Moment der Gewässerverbindung war am 22. Februar 1991 gegen 15.30 Uhr gekommen.
Das Altwasser an der Rot mit einer Gesamtfläche von 23 000 m² hatte seine Gestaltung erfahren. Durch den Fischereiverein Dellmensingen wurden im April/Mai 1991 die letzten einheimischen Gehölze standortgerecht eingebracht. Und nun kann und soll sich im Bereich „Altwasser an der Rot“ unter behutsamen Pflegekorrekturen eine ungestörte Natur entwickeln. Das Mögliche entstand, weil das Unmögliche versucht und Dank der unermüdlichen Bemühungen der Fischer zum Erfolg geführt wurde.
Fischereiverein Dellmensingen e.V.